Wanderreiter & Corona

Und plötzlich steht das Leben still

julia krüger wanderreitbetrieb
Foto: Anja Blum

Julia Krüger betreibt auf der Schwäbischen Alb einen Wanderreitbetrieb. Wie viele andere reittouristische Betriebe stürzt auch sie das Corona-Virus in eine Krise. In unserer kleinen Serie zum Thema erzählt sie, wie das Corona-Virus ihren Alltag verändert hat, wie sie mit der aktuellen Situation umgeht und was ihr jetzt am meisten hilft.

Von einem Tag auf den anderen habe ich keine Kursteilnehmer*innen und keine Reitgäste mehr. Meine sonst prall mit Aufgaben und Terminen angefüllten Tage sind plötzlich ruhig und still. Kein Planen, was alles dringend erledigt werden muss, damit Kund*innen und Tiere zufrieden sind, kein einkaufen und packen für die Ritte und keine nächtlichen E-Mails, um Buchungsanfragen zu beantworten. Am meisten fehlen mir die Begegnungen mit interessanten Menschen beim Reiten, bei den Trekkingtouren oder auch bei den Übernachtungsstationen.

Doch die Situation hat auch ihre schönen Seiten: Auf einmal habe ich etwas im Überfluss, was sonst Mangelware ist: Zeit. Kein Stress, möglichst viel in 24 Stunden zu pressen, Zeit für gute Gespräche mit lieben Freund*innen und Kund*innen am Telefon oder per WhatsApp, und ich schlafe seit einer Ewigkeit mal wieder mehr als fünf Stunden! Außerdem kann ich mir viel mehr Zeit für die einzelnen Tiere nehmen, für Bodenarbeit, zum Putzen oder einfach mal zum Knuddeln. Und jeden Tag bin ich nun alleine im Wald unterwegs und genieße die Schönheit und Stille der Natur hier auf der Schwäbischen Alb.

Außerdem versuche ich die Zeit für liegen gebliebene oder auch unbeliebtere Aufgaben zu nutzen: Sättel, Satteldecken, Zaumzeuge, Halfter und Putzzeug werden grundgereinigt, an meiner Internetseite ist immer etwas zu tun, auf meiner Facebook-Seite poste ich jeden Tag ein kleines Video von meiner Herde, die Buchhaltung muss erledigt werden und auch aufräumen und aussortieren stehen auf dem Tagesprogramm. Natürlich spinne ich dabei im Kopf immer wieder herum, wie diese Krise überstanden werden kann. Eigentlich ist für meinen Betrieb jetzt schon Hauptsaison. Nachdem ich meinen Wanderreitbetrieb verletzungsbedingt bereits in den letzten fast anderthalb Jahren nicht auf Hochtouren laufen lassen konnte, wollte ich dieses Jahr endlich wieder richtig durchstarten. Der Kalender war voll und die Angebote gut gebucht. Ich habe mich so darauf gefreut, wieder mit den Menschen und den Maultieren unterwegs zu sein. Jetzt sind alle Veranstaltungen für die nächsten Wochen bis nach Ostern gestoppt.

Zum Glück stehen meine Maultiere und Pferde im Offenstall und bewegen sich in der 19-köpfigen Herde auch gegenseitig, sodass sie eine gute Grundkondition haben. Zeitweise können sie auch auf die Koppel, wobei die richtige Weidezeit hier frühestens Anfang Mai beginnt. Normalerweise wird dann die Wanderreitkondition stetig aufgebaut, damit die Tiere auch Spaß an der Arbeit haben. Das passiert ganz automatisch, da sie mit zunehmender Tageslänge immer mehr unter dem Sattel unterwegs sind. Je länger die Beschränkungen dauern, um so mehr fehlt uns dann diese Aufbauzeit, wenn es wieder losgehen kann.

Ich hoffe und glaube, dass meine Kund*innen meinem Betrieb auch nach der Krise treu bleiben. Sehr schön ist, dass wir über verschiedene Kanäle Kontakt halten und man sich so gegenseitig Mut machen kann. Alle Kund*innen haben ihre Anzahlungen stehen gelassen und für viele haben wir schon Ersatztermine in ein paar Monaten gefunden. Dafür bin ich sehr dankbar, denn das ist das Geld, von dem ich momentan die laufenden Kosten decken kann. Aber das geht natürlich nicht lange so weiter.

Im Radio wurde heute von den Bauern gesagt: „Die Ernte kann man ja nicht aufschieben“. So ist es bei mir auch, denn das Jahr hat nicht unbegrenzt viele Tage. Die Wochenenden sind knapp und ich kann nicht einfach mehr Leute an einem Termin mitnehmen. Je mehr größere Touren abgesagt werden müssen, um so mehr verschiebt sich das Problem nach hinten.

Ich hoffe und wünsche mir, dass die Politik vor allem vernünftige und weise Entscheidungen trifft. Ich finde es sehr schwierig, hier konkrete Vorschläge zu machen und die Situation zu bewerten. Auf jeden Fall wäre jetzt nochmal eine gute Gelegenheit, um über das bedingungslose Grundeinkommen ernsthafter nachzudenken. Aber noch viel mehr wünsche ich mir, dass der ganze Spuk bald vorbei ist!

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