Auf Tour

Mit dem Pferd von Patagonien nach Alaska

Seit 18 Jahren reitet der Abenteuerreiter Günter Wamser von Patagonien durch Süd- und Nordamerika. Sein Ziel: Alaska. Wir haben mit Günter Wamser über sein Leben und seine lange Reise zu Pferd gesprochen.

Interview: Heike Gruber | Fotos: Sonja Endlweber und Günter Wamser

WRM: Seit 1994 reist Du zu Pferd durch Amerika. Das bedeutet fast 18 Jahre keine sichere Existenzgrundlage, 18 Jahre wenig Komfort und seit 18 Jahren ein Leben aus der Satteltasche. Gibt es Momente, in denen Du genug davon hast?

Günter Wamser: Natürlich gibt es Momente, die nicht so angenehm sind, nicht jeder einzelne Moment ist schön, doch was am Ende zählt ist das großartige Gefühl der Zufriedenheit, alle Schwierigkeiten gemeistert und nicht aufgegeben zu haben, es gemeinsam mit Partnerin, Hund und Pferden geschafft zu haben. Ich habe keine Sponsoren, also sagt mir auch keiner was, wann oder wie ich es zu tun habe. Wenn ich nicht mehr hinter dem stehe, was ich tue oder es in Frage stelle, höre ich sofort auf, ich muss weder mir noch anderen etwas beweisen.

WRM: Deine  Pferde sind alle vier waschechte Mustang. Was macht diese Pferde so geeignet für die lange Reise?

Günter Wamser: Die Mustangs haben dieselbe Entwicklungsgeschichte wie meine Argentinischen Criollos. Auch sie kamen mit den spanischen Eroberern ins Land, entliefen und verwilderten. Etwa 30.000 wilde Pferde leben noch auf den Prärien des Westens. Leider hat es in unserer modernen Welt keinen Platz mehr für diese ausdauernden, genügsamen und intelligenten Wesen. In regelmäßigen Abständen werden sie zusammengetrieben und eingefangen. Vor Jahren wurden sie geschlachtet, heute werden sie in Auffanglagern gehalten und zur Adoption frei gegeben. Eines dieser Auffanglager ist das Gefängnis von Canon City in Colorado. Hier werden Wildpferde von Strafgefangenen gezähmt. Wer ein wildes Pferd zähmen will, der braucht Geduld, Willensstärke, Vertrauen und mentale Stärke. Eigenschaften, die auch einem ehemaligen Strafgefangenen den Widereinstieg in die Gesellschaft erleichtern. Darum, und weil auch die Pferde durch das Training eine größere Chance haben, ein neues Zuhause zu bekommen, also jemanden finden, der mit einem zahmen Pferd umgehen kann, habe ich mich entschieden, Pferde aus diesem Programm zu nehmen.

WRM: Wie lange dauert etwa die Reitsaison? Im Winter sind Du und Deine Partnerin Sonja ja vermutlich in Deutschland? Und wo sind dann Eure Pferde?

Günter Wamser: Je weiter wir nach Norden kommen, umso kürzer wird zwangsläufig die Reitsaison. Im Yukon können wir diesen Sommer etwa vier Monate unterwegs sein. In diesem Winter sind wir in Europa (Deutschland und Österreich), um an unseren Projekten (Bücher und Vortrag) zu arbeiten. Normalerweise bleiben wir aber auch den Winter über in Kanada, vergangenen Winter haben wir in einer Blockhütte in Kanada überwintert, auch nächsten Winter haben wir ähnliches vor. Die Pferde sind diesen Winter bei sehr guten Freunden in Kanada, auf einer großen Ranch, die sie sich mit einer Herde Rinder teilen.

WRM: In Eurem Tagebuch sprecht Ihr von Trainingsritten. Wie bereitet Ihr die Pferde auf die Saison vor?

Günter Wamser: Sowohl die Pferde, als auch wir brauchen im Frühjahr ein kleines Konditionstraining, sie müssen sich wieder daran gewöhnen, Reiter und vor allem Gepäck zu tragen. Die Rückenmuskeln müssen wieder gestärkt werden. Wir trainieren ca. vier bis sechs Wochen, fangen mit Spaziergängen an und bauen langsam auf, bis wir wieder das „alte Team“ sind. Jedes Pferd trainiert an jeder Position. Trotzdem beginnen wir unseren Ritt mit kurzen Etappen, d. h. das Konditionstraining geht auch über die ersten Wochen weiter.

WRM: Wie plant Ihr so eine lange Rittstrecke und wie orientiert Ihr Euch? Gibt es gutes Kartenmaterial? Benutzt Ihr einen Kompass oder ein GPS-Gerät?

Günter Wamser: Je weiter wir nach Norden kommen, umso schwieriger wird die Planung. Unsere Reise nimmt immer mehr Expeditionscharakter an, wir müssen alles im Vorfeld organisieren. Im vergangenen Jahr z. B. sind wir vier Monate in der Wildnis gewesen, ohne jemals an eine Straße oder zu Zivilisation in anderer Form zu gelangen. D. h. wir müssen die gesamte Wegstrecke und Proviantdepots im Vorhinein festlegen. Der Proviant wird mit Kleinflugzeugen eingeflogen, die wir uns mit Jagdausstattern geteilt haben. So mussten wir uns auch an deren Zeitplan halten. Kartenmaterial gibt es, aber darauf sind keine Wege eingezeichnet. Kompass und GPS benutzen wir, die Herausforderung liegt aber darin, herauszufinden, wo es Wege oder Wildwechsel gibt, welche Pässe, Täler etc. mit Pferden passierbar sind.

WRM: Wie viele Kilometer legt Ihr pro Tag ungefähr zurück?

Günter Wamser: Im Durchschnitt ca. 15 Kilometer, das variiert aber von 500 Metern – wenn wir von einem Hindernis wie Fluss oder Windbruch aufgehalten werden, bis zu 35 Kilometer, wenn wir auf gutem Weg unterwegs sind.

WRM: Wie füttert Ihr Eure Pferde unterwegs? Nehmt Ihr Kraftfutter mit oder kommen sie mit dem aus, was sie unterwegs finden?

Günter Wamser: Früher hatte ich Kraftfutter dabei, jetzt, da wir so viele Monate keine Möglichkeit haben, einzukaufen, können wir außer Leckerli nichts mehr mitnehmen, die Pferde brauchen daher ausreichend Zeit, um zu grasen. Wir verwenden einen E-Zaun und zäunen ca. 2.500m² ein; fast immer ist reichlich Futter vorhanden und sehr abwechslungsreich. Unsere Pferde sind sehr genügsam. Wenn man sich den Lebensraum der Mustangs heute in den USA ansieht, dann versteht man auch warum: Die Pferde grasen auf sehr mageren, kargen Weiden.   

WRM: Welche Begegnung der vergangenen Jahre ist Dir am meisten in Erinnerung geblieben?

Günter Wamser: Die  Frage ist leicht zu beantworten, denn es waren natürlich die Begegnungen mit den beiden Frauen Barbara und Sonja, die mich dann jahrelang auf der Reise begleitet haben. Barbara ist vier Jahre lang von Ecuador bis Mexiko mit mir geritten. Mit Barbara verbindet mich auch heute noch eine tiefe Freundschaft, Sonja ist seit 2007 meine Partnerin und auch heute noch an meiner Seite. Gemeinsam ritten wir durch die USA und Kanada. Solche Partnerinnen zu finden ist keine Selbstverständlichkeit, das ist Glück.  

WRM: Auf welches Erlebnis hättest Du gut und gerne verzichten können?

Günter Wamser: Die Grenzübergänge in Lateinamerika. Heute hätte ich nicht mehr die Energie dazu, gegen diese Bürokratie und Korruption zu kämpfen. Manchmal musste ich wochen- oder sogar monatelang warten, bis ich eine Grenze passieren durfte.

WRM: Wie hat Dich diese Reise mit den Pferden verändert?

Günter Wamser: Mit ist erst richtig bewusst geworden, welch ein Privileg es ist, in Deutschland geboren zu sein und wie schön es zu Hause ist. Ich habe das langsame Reise entdeckt und damit eine besondere Zufriedenheit und Ausgeglichenheit. Meine Reise richtet sich nach den Pferden – ihre Bedürfnisse bestimmen die Lagerplätze, die Route, die Tagesetappen.

WRM: Was hast Du vor, wenn Du Dein Ziel, Alaska, erreicht hast? Gibt es schon Pläne für die nächste große Reise?

Günter Wamser: Wenn man so ein Leben führt, dann gehen einem die Ideen nie aus. Es gibt Ideen und Träume, aber noch keine konkreten Pläne. In zwei Jahren (Herbst 2013) wollen wir die Reise in Alaska beenden. Darauf konzentrieren wir uns derzeit. Aber ich fände es auch mal ganz spannend durch Europa und durch Deutschland zu reiten.

WRM: Du hältst immer wieder mal Vorträge über Deine Abenteuerreise. Wo können Dich die Leser und Leserinnen des WanderreiterMagazins demnächst noch mal sehen oder hören?

Günter Wamser: Wir werden die Reise im Herbst 2013 in Alaska beenden, ab Januar 2014 werde ich dann den neuen Vortrag über die ganze Reise von Argentinien bis Alaska bundesweit zeigen. Bis dahin kann man unsere Reise auf unserer Homepage www.abenteuerreiter.de verfolgen, dort stehen dann auch die Vortrags-Termine.

WRM: Wir danken Dir herzlich für das Gespräch und wünschen Dir und Sonja alles Gute für Eure weitere Reise!

Zum Weiterlesen

Rocky Mountains – 3.000 Meilen mit Pferden durch die Wildnis Amerikas
Günter Wamser & Sonja Endlweber

ISBN: 978-3-8003-1935-0
128 Seiten, 214 Abbildungen,
Format 24 x 30 cm, gebunden mit farbigem Schutzumschlag

19,95 Euro

Abenteuer-Reiter – Mit den Pferden von Feuerland bis Alaska
Günter Wamser

Rezension des Wanderreiter-Magazins

ISBN: 978-3-8003-4809-1
320 Seiten, 545 Abbildungen,
Format 24 x 30 cm, gebunden mit farbigem Schutzumschlag und stabilem Schmuckschuber

49,95 Euro

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