Auf Tour Frankreich

Equirando 2019: Europas größtes Wanderreitertreffen

unterwegs zum equirando 2019

Alle zwei Jahre zieht es tausende Wanderreiter- und fahrer*innen aus allen Himmelsrichtungen nach Frankreich zum Equirando, dem größten Wanderreitertreffen Europas.  Dieses Jahr mit dabei: Alice Schwitzgebel, Geländerittführerin DWA, MATE, und Inhaberin des Wanderreitbetriebs „Alice en Selle“ im Elsass. 19 Tage lang war sie mit ihrer Kutsche und ihren Pferden Paddy, einem 8-jährigen Irish Cob, und Champion, einem 13-jährigen Haflinger, unterwegs. Dabei legte das Gespann rund 660 Kilometer vom heimischen Elsass bis zum südwestlich von Paris gelegenen Les Bréviares, dem diesjährigen Veranstaltungsort zurück.

Text und Fotos: Alice Schwitzgebel

Seitdem ich das erste Mal vom Equirando, diesem großen Wanderreitertreffen in Frankreich gehört hatte, wollte ich dort hin. Herbert Fischer, der Gründer der Deutschen Wanderreiter-Akademie hat mir davon erzählt. Auch er hat in seiner aktiven Zeit an manch solcher Treffen teilgenommen. 2012 zog ich dann ins Elsass, heiratete und gründete meinen Wanderreitbetrieb. Doch der eine Traum, er blieb.

Das Equriando wird von der FFE (Fédération Francaise d’Equitation) organisiert, und findet immer an einem anderen Ort in Frankreich statt. Der diesjährige Veranstaltungsort lag von mir zu Hause aus gesehen genau „auf der anderen Seite“ von Paris und damit war klar: Jetzt oder nie! Die Strecke bin ich schon ein paar Mal mit dem Auto gefahren, aber das Reisen im Rhythmus der Pferde erlaubt eine ganz andere Perspektive. Du kannst wirklich jede Blume am Straßenrand anschauen, Dich unterwegs mit Leuten unterhalten, hören wie ihr Leben ist und was sie bewegt. Ich habe die Reise auch als Möglichkeit genutzt, mein „neues Land“ besser kennen zu lernen.

Die Entscheidung, ob ich die Reise zu Pferd oder mit der Kutsche unternehmen möchte, war für mich schnell getroffen. Wenn man mich fragt, was ich lieber machen möchte – reiten oder anspannen – naja, dann bin ich doch lieber auf dem Kutschbock unterwegs. Außerdem hat das Wanderfahren einige Vorteile gegenüber dem Wanderreiten: Es ist etwas komfortabler, weil man auf der Kutsche einfach mehr transportieren kann. Außerdem hatte ich nur einen begrenzten Zeitraum von dreieinhalb Wochen zur Verfügung und mit der Kutsche kann man mehr Kilometer pro Tag zurücklegen als zu Pferd. Einziger Nachteil: Mit der Kutsche ist man bei der Auswahl der Wege etwas eingeschränkt. Außerdem fährt man Kutsche nicht allein, ich brauchte also eine Begleitung.

Eine fast vierwöchige Reise zu unternehmen, ist natürlich ein bisschen Luxus – mir war klar, dass es sehr schwierig sein würde, eine Beifahrer*in für die gesamte Zeit zu finden. Weil mein Mann meine anderen Pferde zu Hause versorgen musste, konnte er mich nicht begleiten. Deshalb habe ich mich für einen wöchentlichen Wechsel der Beifahrer*innen entschieden. Nur mein kleiner Hund Kenzo hat mich während der ganzen Zeit begleitet – entweder auf dem Kutschbock oder nebenher laufend.

Paddy (links) und Champion ziehen die Wagonette, einen leichten Planwagen, der für die lange Reise bestens geeignet war.

Meine größte Sorge, bevor wir starten konnten, war es, einen geeigneten Planwagen zu finden. Ich wollte unbedingt ein Dach über dem Kopf haben, als Schutz vor Regen und Sonne. Meine Wahl fiel auf eine umgebaute Wagonnette. Während unserer Fahrt war es zum Teil extrem heiß und da waren wir für den Sonnenschutz sehr dankbar. Unser Gepäck, aber auch Werkzeug und Hafer fanden hinten auf der Kutsche Platz. Alles, was wir tagsüber brauchten, konnten wir vorne in einem geräumigen Fach vor dem Fahrersitz verstauen. Die Kutsche ist außerdem mit einer Milchkanne für den Wassertransport und mit einer Säge ausgestattet.

Um die Strecke zu planen, habe ich einfach auf der Karte einen geraden Strich von mir zu Hause bis nach Les Bréviares gezogen. Diesem Strich habe ich dann noch zwei Knicke „verpasst“, einmal, weil ich Paris umfahren musste, und einmal, weil ich die „Aube“-Region weitestgehend vermeiden wollte, da sie landschaftlich nicht besonders reizvoll ist.  Auf diesem langen Strich habe ich dann für jeden Tag mit dem Zirkel eine Strecke von ca. 40 Kilometer abgemessen. Für Wanderreiter wären so viele Kilometer jeden Tag schon eine ziemliche Hausnummer, aber mit der Kutsche ist das durchaus zu realisieren. Meine beiden Pferde Paddy und Champion, zwei sehr erfahrene Wanderfahrpferde, gehen außerdem wie alle meine Pferde regelmäßig mit mir und meinen Gästen auf Wanderritt und haben deshalb  grundsätzlich eine hervorragende Kondition.

Die ersten zwei Übernachtungsmöglichkeiten waren schnell gefunden, da ich mich hier in der Gegend gut auskenne. Außerdem kenne ich durch mein Engagement in der französischen TREC-Welt einige Leute, die entlang der Strecke wohnen und wo wir übernachten konnten. Wir hatten aber auch alles zum Übernachten auf der Kutsche dabei: Paddockmaterial für die Pferde, ein Zelt, Feldbetten, Schlafsäcke und sogar eine Solar-Dusche. So waren wir autark und alles, was wir für eine Übernachtung brauchten, war nur ein kleines Stück Wiese und gegebenenfalls etwas Heu und Wasser.

Tja, und dann haben wir uns einfach durchgefragt. An einer Station angekommen, haben wir unsere Karte mit dem Strich und den Markierungen gezeigt, und gefragt, ob der Gastgeber jemanden in der Nähe der nächsten Markierung kennt. Und siehe da, es hat immer geklappt! Mal konnten wir unsere Feldbetten in einer Scheune direkt neben dem Mähdrescher aufschlagen, mal haben wir auf der Weide gezeltet, mal auf einem Campingplatz, mal in einer leeren Box, mal im Heulager … Ich denke, die Tatsache, dass wir keine Ansprüche an unsere Gastgeber gestellt haben, hat uns die Suche nach einem Quartier um einiges erleichtert.

Auch die Versorgung der Pferde unterwegs war wesentlich einfacher als ich dachte. Wasser findet man tatsächlich auf jedem Friedhof. Auf der Kutsche hatten wir außerdem immer einen großen Sack Hafer dabei. Nur einmal mussten wir im Supermarkt Haferflocken kaufen, weil mein Hafervorrat leider vor der nächsten Aufstockungsmöglichkeit zur Neige ging.

Die meisten Schwierigkeiten während der Tour hat uns ganz eindeutig das Wetter bereitet. Wir waren ausgerechnet während der großen Hitzewelle in diesem Sommer und bei Temperaturen von zeitweise über 40 Grad unterwegs. Um die Reise für die Pferde so angenehm wie möglich zu machen, sind wir an den heißen Tagen schon bei Sonnenaufgang gestartet, um vor 10 Uhr und vor der großen Hitze anzukommen. Dann haben wir alle zusammen, Pferde, Hunde und Menschen, ein Mittagsschläfchen gemacht. Auch haben wir an fast jedem Friedhof Pause gemacht, um die Pferde zu tränken und sie abzuduschen. Insgesamt hat mir meine Ausbildung als Geländerittführerin DWA und meine französische Qualifikation als MATE (Wanderfahrtführer) bei der Organisation und Durchführung der Reise und bei der Versorgung der Pferde sehr geholfen. So konnte ich vorausschauend agieren und einige mögliche Probleme schon im Vorfeld aus dem Weg räumen.

Trotzdem gab es natürlich viele unerwartete Herausforderungen aber auch unendlich viele schöne Erlebnisse, die mir in Erinnerung bleiben werden. Z. B. der Konvoi mit dem Vollernter im Gegenverkehr auf einer sehr engen Straße mit einem zwei Meter tiefen Hang auf unserer Straßenseite! Oder die erstaunten Blicke der Passanten, wenn wir in der Innenstadt am Geldautomaten oder vor dem Supermarkt gehalten haben. Der Hohlweg mit querliegendem Baum – natürlich erst, nachdem wir bereits zwei Kilometer dort entlanggefahren waren und es keine Möglichkeit mehr zum umkehren gab. Den Baum haben wir dann mit einem Pferd aus dem Weg gezogen, um weiterzukommen. Die Gespräche mit meinen Beifahrer*innen und unseren Gastgebern, und selbstverständlich deren Gastfreundschaft. Das Baden mit den Pferden in der Seine war ebenfalls unvergesslich. Und fast jeden Tag haben wir Sonnenblumenfelder gesehen – die Blume wird mich ewig an diese Reise erinnern. Es war so eine tolle Zeit!

Ein erfrischendes Bad in der Seine war für Pferd und Mensch eine wohltuende Abkühlung.

Bei unserer Ankunft sind dann auch ein paar Tränen geflossen, weil ich einfach nicht wollte, dass die Fahrt schon vorbei ist. Während der rund vierwöchigen Reise habe ich so eine unglaubliche Freiheit erlebt. Einfach nur mit meinen Pferden und ganz lieben Leuten unterwegs zu sein, jeden Tag nichts anderes machen zu müssen, als fahren, vorwärts kommen und schauen, dass es den Pferden gut geht, das war herrlich. Am Anfang der Reise habe ich mich ernsthaft gefragt, ob ich mir nicht ein zu großes Ziel gesteckt habe, aber zwei oder drei Tage vor der Ankunft wurde mir langsam richtig klar, dass ich dieses unglaubliche Abenteuer tatsächlich gemeistert hatte, und dass ich bald wieder ins normale Leben zurückkehren musste. Ich war so unglaublich stolz auf meine Pferde, die dieses Abenteuer erst ermöglicht haben. Die vielen gemeinsam Erlebnisse währen der Reise haben unsere Beziehung nochmal enorm vertieft.

Selbstverständlich möchte ich beim nächsten Equirando in zwei Jahren wieder teilnehmen und meine Strecke ist schon jetzt in Planung. 2021 findet das Treffen in Angers, im Nordwesten Frankreichs statt. Die einzige Teilnahmebedingung beim Equirando ist, dass die gerittene oder gefahrene Strecke bis zum Veranstaltungsort mindestens 100 Kilometer betragen muss. Manche Teilnehmer*innen nutzen die von der FFE vorgeschlagenen Strecken und Übernachtungsmöglichkeiten, andere, so wie ich, reisen in Eigenregie dorthin. Dieses Jahr kam der Teilnehmer mit der weitesten Strecke aus Lothringen. Er war über mehrere Monate unterwegs und hat eine Strecke von 2.226 Kilometern zurückgelegt. Andere kamen aus Portugal angeritten und eine Schweizerin aus Lausanne ist auch mit der Kutsche und mit sechs Kindern und einem Hund an Bord über ca. 700 Kilometer angereist.

Ein besonderes Highlight des Equirando war auch der große Festumzug mit fast 1.000 Teilnehmer*innen durch die Straßen Rambouillets. Vor dem dortigen Château wurden dann noch die Wanderreiter- und fahrer in den Trachten ihrer jeweiligen Herkunftsregion vorgestellt. Bei so einem Umzug mit so vielen reitenden und fahrenden Teilnehmer*innen mitzumachen, ist ein Riesenerlebnis. Ich kann das Equirando wirklich jedem Wanderreiter empfehlen, ob in Eigenregie oder auf einer von der FFE vorgeschlagenen Strecke. Es ist einfach eine tolle Erfahrung.

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