Auf Tour Deutschland

Das erste Mal unterwegs

Zum ersten Mal brechen Hannah und Uwe mit ihren beiden Stuten Annie und Muck zu einem Wanderritt auf. In sechs Tagen reiten die Beiden durch das norddeutsche Tiefland, vom heimischen Worpswede nördlich von Bremen bis nach Cuxhaven. Pferde und Reiter lernen dabei nicht nur unerwartete Hindernisse zu überwinden, sondern bestehen auch einige Mutproben und wachsen so zu einer engen Gemeinschaft zusammen.

Text und Fotos: Hannah Flemming

Endlich ist es soweit: Wir brechen zu einem Wanderritt auf! Wir, das bin ich, Hannah (51), mein Mann Uwe (63) und unsere beiden Pferde Annie, eine 19-jährige, braun-weiß gefleckte Paint-Stute, und Muck, meine schwarz-weiß gefleckte Tinker-Pinto-Mix-Stute. Unser Startpunkt ist Worpswede, nördlich von Bremen gelegen, unser Ziel Cuxhaven. Das mag sich nicht besonders spektakulär anhören, mit dem Auto schafft man diese Strecke locker in etwa einer Stunde. Doch für uns ist dieses Vorhaben sehr aufregend, denn es ist unser erster Wanderritt.

Sieben Kilometer lang ist unsere erste Etappe, die uns von unserem Dorf nahe Worpswede über Wiesen, Felder und durch den schönen Wald bei Heilshorn nach Lübberstedt führt. Damit wir nicht an der befahrenen Landstraße entlangreiten müssen, habe ich im Vorfeld bei Google Maps nach einer Alternative gesucht. Gar nicht so einfach, denn kurz vor Lübberstedt müssen wir auch noch über einen Bach. Doch tatsächlich habe ich einen passenden Weg gefunden, der auf keiner Karte verzeichnet ist: eine vermutlich nur für Trecker gebaute Holzbohlenbrücke, über die wir den Bach sozusagen „illegal“ überqueren können.

Eine muss ja den Plan haben.

In Lübberstedt dürfen die Ladies nach ihrem ersten Wanderritt auf den Springplatz der Pferdepension, während wir es uns in unserem kleinen Wohnwagen gemütlich machen. Den haben wir bereits am frühen Morgen hierher gezogen und so bewegen wir uns auch fortan vorwärts: Mit zwei Autos geht es zur nächsten Station, dort lassen wir Wohnwagen und Zugfahrzeug stehen und kehren dann mit dem zweiten Wagen zurück zu unseren Pferden. Bei unserer Ankunft ist deshalb immer schon alles da, was wir brauchen – ein großer Vorteil, denn so können wir sowohl für uns als auch für die Pferde während der gesamten sechs Tage alles Nötige mit uns führen. Wir sind also absolute Selbstversorger, und haben auch nur geringe Ansprüche an die jeweiligen Übernachtungsstationen: eine Wiese für die Pferde, Wasser und eventuell eine Toilette, mehr brauchen wir nicht.

Zwei Stationen habe ich über eine Ebay-Kleinanzeige gefunden, die restlichen drei durch mutiges Fragen vor Ort. Fast alle von ihnen wollen nichts für ihre Gastfreundschaft und begegnen uns mit Neugier und großer Freundlichkeit.

Frühstück mit Pferden

Es ist unglaublich heiß und schwül für September. Als wir am zweiten Tag nach Bokel aufbrechen, sind die Insekten so schlimm, dass wir fortan die Insektenmasken unter dem Zaumzeug lassen und beide Pferde gut einsprühen. In einem tiefen Tannenwald erwartet uns das nächste Hindernis: ein Grenzgraben, der die Orte Steden und Axstedt voneinander trennt. Doch unsere Ladies meistern das Überklettern des Grenzgrabens, der in diesem trockenen Sommer glücklicherweise kein Wasser führt, mit Bravour. Meine Muck schnauft jedoch sehr. Die beinahe tropische Luft legt sich hier im Wald auf die Bronchien und macht das Atmen schwer. Oder ob sie vielleicht zu viel von dem Insektenspray eingeatmet hat? Ich steige jedenfalls lieber ab und führe sie.

Mit dem Wohnwagen mobil von Wanderreitstation zu Wanderreitstation

In Axstedt angekommen, erfasst uns endlich ein leichter Wind und wir lassen die beiden grasen. So halten wir die gute Laune unserer Ladies aufrecht, auch wenn wir selber währenddessen nur durch die Gegend gezogen werden und kaum zur Ruhe kommen. Gottseidank geht es Muck nun wieder deutlich besser, und als wir in Bokel ankommen, ist ihr asthmaartiger Anfall ganz vorbei. Ich hatte schon befürchtet, wir müssten unseren Wanderritt bereits nach dem zweiten Tag abbrechen.

Am dritten Tag geht es weiter nach Sellstedt. Wir befinden uns nun im sogenannten Geestgebiet, eine Landschaft, die durch eiszeitliche Sandablagerungen entstanden ist. Unzählige Gräben durchziehen diese Region und um diese zu überqueren, müssen wir leider häufig befahrene Landstraßen entlangreiten. Unsere Pferde gehen barhuf und zeigen sich zunehmend fühlig. Vor allem Muck sucht immer nach dem weichsten Untergrund und so kommen wir nicht besonders gut voran. Mir fällt ein Ratschlag unserer Osteopathin ein: Aus Gaffa Tape und alten Lappen baue ich für Muck „Einweg-Hufschuhe“. Und tatsächlich stapft sie damit nun wieder viel besser voran.

Vor Donnern wartet eine tolle Trabstrecke auf uns, und dann klettern unsere Ponies auch schon durchs Unterholz, über Wurzeln und quer liegende Baumstämme. Für eine Weile ins Gespräch vertieft, bemerken wir viel zu spät, dass wir uns anscheinend verritten haben. Ausgerechnet jetzt verlässt uns auch mein GPS-Tracker und zeigt nicht an, wo wir uns gerade befinden. Doch nach einer kurzen Orientierungsphase mit den althergebrachten Karten und gesundem Menschenverstand gelingt es uns, wieder zurück auf den richtigen Weg zu kommen. Wohlbehalten erreichen wir unser Etappenziel Sellstedt.

Am nächsten Tag kommen wir spät los, es ist wieder unangenehm drückend, und bei Bramel erwischt uns ein heftiges Gewitter. Wir kommen nur langsam voran, müssen die Pferde viel zu nah an der Straße führen und finden durch die schwierige Situation nicht gleich den richtigen Einstieg in den Wald. Durch den dunklen Regenhimmel und tiefen Tannenwald wird es schneller finster um uns herum als erwartet. Mit dem leuchtenden Display des GPS-Trackers in der einen und meinem Pony an der anderen Hand taste ich wie blind durch den rauschenden, dunklen Wald, bis wir endlich klitschnass und entkräftet auf unserer nächsten Station in Hymendorf ankommen.

Kaffeepause in Lunestedt

Die letzte Etappe nach Midlum hat gleich vier Mutproben für uns parat: Erstmals überqueren wir eine Autobahnbrücke und beim nächsten Wald bleibt Annies Sattel unter einem tief hängenden Baumstamm hängen, doch Uwe befreit sie mit dem Anheben des Stammes. Außerdem springt ein Hase zwischen den Hufen unserer Ladies auf und erschreckt sie, und kurz vor Midlum ängstigen sich unsere Pferde vor niedrigen Windrädern, deren Drehgeräusche im Sturm den Geräuschen eines startenden Flugzeugs nahekommen. Unsere letzte Etappe nach Holte-Spangen ist dann fast wie ein Heimspiel, denn das sandige Gebiet der Altenwalder Heide ist uns vertraut und wir finden den Weg zum Ferienhof beinahe im Schlaf.

Viel zu schnell sind wir wieder zu Hause. Unsere kürzeste Etappe war 7 Kilometer, die längste 22 Kilometer und für unsere beiden Ladies damit deutlich zu lang. Unser individuelles Maß einer Tagestour legen wir mit durchschnittlich 10 Kilometer fest.

Alles in allem haben unsere beiden Pferde die gesamte Tour wirklich toll gemeistert. Durch das enge, tägliche Miteinander sind wir eine eingeschworene Viererherde geworden und können kaum erwarten, dass es wieder losgeht. Wir sehnen uns danach, unterwegs zu sein, jeden Tag woanders zu landen, und gleich neben unseren Ladies im Wohnwagen zu schlafen. Wir sind ganz klar von dieser Art des Reisens begeistert und planen schon den nächsten Wanderritt für nächstes Jahr. Dann soll es in die Lüneburger Heide gehen!

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